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Das WEIB in mir



Seit ich denken kann, habe ich nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprochen. Nie die Hübsche, die Schöne, die Bezaubernde. Dieses Erleben hat mich vom Mädchen über die junge Frau bis weit darüber hinaus begleitet. Ich habe es mal mehr, mal weniger deutlich zu spüren bekommen. Und es hat mich geprägt. Vor allem in meinen jüngeren Jahren hat es mich tief verunsichert.


Ich habe früh gelernt, mich anzupassen, mich nicht in den Vordergrund zu stellen, nicht aufzufallen. Ein bisschen in der Masse zu verschwinden schien sicherer. Es war eine Art Schutz, den ich mir unbewusst aufgebaut habe. Nicht sichtbar zu sein bedeutete, weniger angreifbar zu sein. Und so habe ich mich zurückgenommen und gelernt, mich selbst nicht zu wichtig zu nehmen.


Weiblichkeit war für mich lange nichts, mit dem ich mich sicher gefühlt habe. Eher etwas, dem ich ausgewichen bin. Ich habe sie belächelt, manchmal ins Lächerliche gezogen, oft mit einem ironischen Unterton. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus Unsicherheit. Aus dem Gefühl heraus, dass das sowieso nichts mit mir zu tun hat.


Ich habe gelernt, dass Frauen, die sich „aufbrezeln“, etwas zu verbergen haben. Dass man das doch nicht nötig hat. Und so habe ich mir lange nicht erlaubt, mich schön zu machen, mich zu zeigen, mich zu schmücken. Ich habe es auch nie gelernt. Ich habe mich innerlich von Frauen distanziert, die sich zurechtgemacht haben, die sichtbar waren, die sich Raum genommen haben. Nicht selten habe ich verächtlich auf sie geschaut und habe mir erzählt, dass sie das wohl nötig hätten.


Was ich lange nicht verstanden habe war, dass daraus ein Mangel entstanden ist. Neid und Missgunst. Dieses ständige unbewusste Bewerten anderer Frauen und Gefühle, die mich selbst gequält und mich unglücklich gemacht haben. Ich habe lange nicht begriffen, warum mich das so trifft, warum es so weh tut. Heute weiss ich, dass es der Schmerz darüber war, mir selbst so vieles nicht erlaubt zu haben.


Und dann kam noch mehr dazu. Der Kinderwunsch, die Schwangerschaft, die Geburt. Sie entsprachen nicht den Bildern aus all den schönen Büchern. Es war nichts leicht daran, nichts sanft, nichts selbstverständlich. Diese Zeit hat mich erschüttert. Tief. In meiner Weiblichkeit und damit in meinem ganzen Sein.


Ich habe mich fremd gefühlt in meinem eigenen Körper, abgeschnitten von etwas, das für andere Frauen so selbstverständlich schien. Ich habe begonnen zu zweifeln. An mir, an meinem Frausein, an meinem Platz. Ob ich überhaupt ein Recht auf Weiblichkeit habe. Ob mit mir etwas nicht stimmt. Diese Fragen waren leise, aber hartnäckig. Und sie haben Spuren hinterlassen.


Ich wäre beinahe daran zerbrochen. Nicht an einem einzelnen Ereignis, sondern an dieser stillen, zermürbenden Unsicherheit, die sich immer tiefer eingegraben hat. Trotzdem habe ich weitergemacht. Habe funktioniert, gehalten, getragen. Nach aussen stark, nach innen oft leer.


Weiblichkeit war für mich lange mit Schmerz verbunden. Mit Vergleich und mit dem Gefühl, nicht zu genügen. Erst viel später habe ich begonnen zu verstehen, warum mich dieses Thema so verletzt hat und warum diese Neidgefühle so stark waren. Weil ich mit mir selbst nicht glücklich war. Weil ich mich selbst ausgeschlossen habe.


Ich habe viel Arbeit investiert, um das zu erkennen. Ich habe genau hingeschaut, auch dort, wo es richtig wehgetan hat. Habe mich reflektiert, habe Muster hinterfragt, habe Verantwortung übernommen für meine inneren Kämpfe. Und ich bin heute zutiefst dankbar, dass mir diese Spirale bewusst geworden ist. Dieser Teufelskreis aus Vergleich, Selbstabwertung und innerer Distanz.


Heute darf ich es anders leben. Und dafür bin ich ausserordentlich dankbar.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum mir die Schwesternschaft so wichtig ist. Frauen miteinander statt gegeneinander. Ich weiss, wie schmerzhaft es ist, das nicht zu können. Und ich habe selbst erlebt, wie verletzend es ist, wenn Frauen sich bekämpfen, sich misstrauen, sich nichts gönnen. Nicht aus Bosheit, sondern aus alten Wunden heraus.


Schwesternschaft ist für mich keine romantische Idee. Sie ist eine bewusste Entscheidung. Eine Haltung. Das Wissen darum, dass wir gemeinsam stärker sind, wenn wir uns nicht messen, sondern halten. Wenn wir einander unterstützen, statt uns gegenseitig klein zu machen.


Ich bin gewiss keine Heilige. Ich verstehe aber heute meine inneren Reaktionen besser. Und ich kann bewusst entscheiden, wie ich damit umgehe. Das hat mein Erleben unter Frauen grundlegend verändert.


Und dann kam dieses Wort: WEIB. Ein Wort, das ich mir lange nicht zu sagen getraut habe. Zu roh, zu direkt, zu unbequem. Und genau deshalb so wahr. Für mich steht WEIB heute für eine Frau, die sich nicht mehr über Idealbilder definiert, sondern über Verbindung. Zu sich selbst, zu ihrem Körper, zu ihrer Geschichte und auch zu den Brüchen.


Das grosse WEIB in der WEIBlichkeit ist für mich eine Rückeroberung. Die Entscheidung, mich nicht länger auszuschliessen, nur weil ich nicht in ein Bild passe. Weiblichkeit nicht als etwas zu sehen, das man sich verdienen muss, sondern als etwas, das uns innewohnt. Auch dann, wenn wir zweifeln, scheitern oder verletzt sind.


Als ich mich getraut habe, mit diesem Thema nach draussen zu gehen, war da Angst, weil Weiblichkeit sehr persönlich ist. In der ersten Woche der Weiblichkeit habe ich gespürt, wie tief dieses Thema berührt. Die Frauen, die dabei waren, und mich selbst. Diese Woche war war eine Einladung. Sich zu erinnern, sich zu ehren und das eigene Frausein wieder zu leben.


Ich schliesse Männer nicht aus, weil ich sie nicht mag. Ganz im Gegenteil. Männlichkeit hat in meinem Leben Platz. In Beziehungen, in Begegnungen, auch in meinen Programmen. Ich arbeite mit Weiblichkeit, weil es meine gelebte Erfahrung ist. Weil ich weiss, wie es sich anfühlt, sich selbst zu verlieren. Und wie heilsam es ist, sich langsam wiederzufinden.


Ich glaube zutiefst, wenn Frauen in sich selbst sicher werden, verändert sich die Welt. Nicht gegen die Männer, sondern mit ihnen. Eine Frau, die sich kennt, muss sich nicht beweisen. Sie kennt ihre Stärke und traut sich, sie zu feiern.


Die Welt braucht keine perfekten Frauen. Sie braucht Frauen, die sich selbst nicht länger ausschliessen. Frauen, die ihre Geschichte annehmen. Auch die schmerzhaften Kapitel. Frauen, die sich erinnern, wer sie sind.


Darum das Thema WEIBlichkeit. Als Rückverbindung zu uns selbst und zueinander.

 
 
 

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